Agnes Neuhaus, Gründerin des Katholischen Fürsorgevereins

Ein Leben für Mädchen, Frauen und Kinder

Portrait

Agnes Neuhaus

Portrait

Quelle: skf-zentrale.de

Agnes Neuhaus, die Gründerin des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder, wurde 1854 in Dortmund geboren und starb 1944 in Soest. Erzogen wurde sie nach den Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts, die für sie als junge Frau aus einer gutbürgerlichen Familie ein gottgefälliges Leben als Hausfrau und Mutter an der Seite eines ehrlichen Mannes vorsahen. Das Wissen um das Elend der Welt, Verbrechen, kriminelle oder gar sexuelle Verfehlungen wurde von ihr ferngehalten. Nachdem sie in Berlin einige Semester Musik studiert hatte, heiratete sie diesen Vorstellungen entsprechend den Gerichtsassessor Adolf Neuhaus und bekam drei Kinder.

Anfang der 1890ziger Jahre wurde sie durch eine tiefe Glaubens- und Lebenssinnkrise erschüttert, in deren Folge sie körperlich erkrankte. Auf der Rückreise von einem längeren Erholungsurlaub erfuhr sie bei einem Besuch bei ihrer Mutter von einer frommen Frau, die in Bonn ledige Mütter und ihre Kinder in ihr Haus aufnahm und mit ihnen eine Lebensperspektive entwickelte. Seit diesem Erlebnis wuchs in ihr der Entschluss, ihre Kraft für Frauen einzusetzen, die aufgrund ihrer Lebensbedingungen Hilfe brauchten, und die Gefahr liefen, ausgenutzt und ins kriminelle Milieu oder in die Prostitution gezogen zu werden.

1897 schloss Agnes Neuhaus sich in Dortmund einem Kreis von Frauen an, der den Einsatz von Frauen in verschiedenen Bereichen der Armenpflege zum Ziel hatte. In dieser Zeit übernahm sie die Betreuung einer Witwe mit zwei Kindern, die sich in stationärer Behandlung in einer Syphilis-Station befand. Dies wurde für Agnes Neuhaus zu einem Schlüsselerlebnis. Sie sah die elende Situation der Patientinnen und erkannte, dass ohne weitere Hilfe viele von ihnen nach der Entlassung notgedrungen in ihr altes Milieu, nämlich die Prostitution, zurückkehren würden. Die Syphilis-Station wurde von evangelischen Diakonissen geleitet, die evangelischen Frauen nach ihrer Entlassung aus dem HospitalHilfe und Unterstützung für ihren weiteren Lebensweg boten. Die leitende Stationsschwester ermutigte Agnes Neuhaus, in gleicher Weise für katholische Frauen initiativ zu werden.

Agnes Neuhaus mit ihrem Mann Adolf Neuhaus (links), Amtsrichter, verst. 1905 und Begleiter

Agnes Neuhaus und Begleiter

Agnes Neuhaus mit ihrem Mann Adolf Neuhaus (links), Amtsrichter, verst. 1905 und Begleiter

Quelle: skf-zentrale.de

Die Erfahrungen aus dieser Zeit markieren den Beginn der künftigen Arbeit von Agnes Neuhaus und des später von ihr gegründeten Vereins. Sie setzte sich mit aller Kraft dafür ein, Mädchen und junge Frauen aus der Prostitution zu befreien. Dafür nutzte sie geschickt bereits bestehende offizielle Kontakte und erschloss neue. Sie setzte sich für eine seelsorgerische Betreuung der betroffenen Frauen ein und erfuhr nicht nur geistlichen Beistand, sondern auch finanzielle Unterstützung von ihrem zuständigen Pfarrer, Probst Löbers, der ihr Vorhaben, „diese armen Kinder von der Straße zu holen“, ausdrücklich begrüßte.

Auch ihr Mann, der mittlerweile Amtsrichter in Dortmund war, war bald von dem Wert des sozialen Engagements seiner Frau überzeugt und stand ihr aktiv zur Seite. Er machte sie mit den für ihre Arbeit maßgeblichen Vorschriften des gerade in Kraft getretenen BGB vertraut und half ihr bei der Formulierung von Anträgen an Gerichte und Behörden. In ihrem gemeinsamen Haus konnte sie ein Büro für sich und einige Mitarbeiterinnen einrichten. Praktische Hilfe erfuhr sie auch durch ihren Vater, dessen Wagen und Pferde sie jederzeit nutzen durfte. So konnten Agnes Neuhaus und ihre Mitstreiterinnen zahlreichen Mädchen nach ihrer Entlassung aus dem Hospital einen Platz bei den Schwestern zum guten Hirten oder in bekannten Familien vermitteln.

SkF-Gruendung

Agnes Neuhaus

Gründung

Quelle: skf-zentrale.de

Bald reichten jedoch die Geldmittel, die Probst Löbers zur Verfügung stellte, für die wachsenden Aufgaben nicht mehr aus. Agnes Neuhaus entschloss sich daher, einen Verein zu gründen, um durch zahlende Mitglieder ein Vereinsvermögen zur Deckung der notwendigen Ausgaben zu schaffen. Schließlich wurde am 20. Juni 1900 in der Dortmunder Probsteikirche vor wenigen geladenen Gästen der „Verein vom guten Hirten“ gegründet, der kurze Zeit später umbenannt wurde in „Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder“. Die Vereinsmitglieder erweiterten ihren Wirkungskreis auf die Gefährdetenfürsorge und betreuten in aufsuchender Arbeit Klientinnen in Gefängnissen, auf Entbindungsstationen, in Besserungshäusern, in Asylen für Obdachlose und in den Syphilisstationen der städtischen Hospitäler.

Schon ab 1900 gründeten sich auf persönliche Initiative von Agnes Neuhaus und anderen leitenden Mitgliedern zunächst im Rheinland und später in ganz Deutschland eigenständige Ortsvereine des Katholischen Fürsorgevereins, die eng mit dem Dortmunder Verein zusammenarbeiteten. Auch wurden im Laufe der Jahre in verschiedenen Städten Schutzhäuser für Mädchen sowie für schwangere Frauen und Ihre nichtehelichen Kinder eingerichtet.

1902 wurde die erste Satzung aufgestellt, die als Vereinszweck den Schutz und die Rettung sittlich gefährdeter und gefallener Mädchen und Frauen, sowie verwahrloster Jugend benannte. In dieser Satzung war auch die Wahl eines geistlichen Beraters festgeschrieben. 1903 konstituierte sich der Verein als Verband mit Zentrale in Dortmund. Damit war auf dem Gebiet der katholischen Caritas ein Arbeitsgebiet aufgenommen worden, auf dem zuvor nur vereinzelt Priester und wenige Frauen tätig waren, die nicht miteinander vernetzt waren.

Ab 1906 nahmen zunächst Agnes Neuhaus und später weitere Mitglieder ihres Vereins regelmäßig an Kursen zur Erweiterung ihrer Kenntnisse über wichtige Themen aus dem Bereich der Jugendfürsorge teil. Da der Katholische Fürsorgeverein die Ausbildung und Schulung von Fürsorgerinnen als eine wesentliche Aufgabe betrachtete, wurde 1917 die katholische Fürsorgeschule eröffnet. Für die einjährige Ausbildung wurden katholische Mädchen ab 21 Jahren mit Lyzealvorbildung aufgenommen. In den Jahren 1917 bis 1927 wurden175 Fürsorgerinnen ausgebildet.

Agnes Neuhaus (Mitte), inmitten ihrer Mitarbeiterinnen

1925

Agnes Neuhaus (Mitte), inmitten ihrer Mitarbeiterinnen.

Quelle: skf-zentrale.de

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten änderten sich zwangsläufig die Arbeitsbedingungen für den Katholischen Fürsorgeverein. Das in der Weimarer Republik vorbereitete Jugendrecht war bis dahin nicht in die Praxis umgesetzt worden, und jede weitere Arbeit daran scheiterte an der neuen nationalsozialistischen Werteordnung und den daraus resultierenden Gesetzen mit ihren verheerenden Folgen für die Klientel des Vereins.

Agnes Neuhaus selbst wurde in dieser Zeit von der Gestapo überwacht. Sie war seit vielen Jahren auch politisch tätig gewesen, seit 1919 als Mitglied im Vorstand der westfälischen Zentrumspartei, seit 1925 Vorstandsmitglied der Zentrumspartei auf Reichsebene. 1919/1920 war sie Mitglied der Weimarer Nationalversammlung. Von 1920 bis 1930 war sie Abgeordnete im Reichstag, wo sie sich insbesondere für die Verabschiedung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes einsetzte. Sie sprach sich dabei besonders für die konfessionelle Jugendhilfe aus, der sie eine höhere Effizienz zusprach als der staatlichen. Der Staat sollte lediglich die Aufsicht führen.

Agnes Neuhaus Agnes Neuhaus als 81-Jährige auf Reisen in Frankfurt/M. 1935

Agnes Neuhaus

Agnes Neuhaus als 81-Jährige auf Reisen in Frankfurt/M. 1935

Quelle: skf-zentrale.de

Der Personenkreis, auf den die Hilfe des katholischen Fürsorgevereins zielte, war in der NS-Zeit in höchster Gefahr für Leib und Leben. Der Verein bemühte sich daher nach Kräften, NS-Gesetze und Verordnungen zu unterlaufen und seine Schutzbefohlenen vor Zwangssterilisation, Verwahrlosung und in späteren Jahren vor der Ermordung in Konzentrationslagern zu bewahren. Dazu bedurfte es einer engen Zusammenarbeit mit den katholischen Gemeinden. So konnten Einrichtungen und Häuser geschaffen werden, in denen betroffene Frauen und Mädchen geschützt leben konnten. Auch brachten Familien ihre Töchter zum Fürsorgeverein, um sie vor Verfolgung im Zuge der Rassegesetze zu schützen.

Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde die Arbeit des Fürsorgevereins zunehmend schwieriger. Einrichtungen und Büros mit allen Vereinsunterlagen wurden durch Bomben zerstört, neue Räume zu beschaffen war nahezu unmöglich, und die allgemeine desolate Versorgungslage vergrößerte die Schwierigkeiten zusätzlich. Nicht zuletzt wurde die Lage des Vereins noch desolater, weil etliche erfahrene und stets einsatzbereite Mitarbeiterinnen in den Kriegswirren ihr Leben verloren. Aber trotz all dieser Schwierigkeiten führte der Verein seine Arbeit fort, was in der Bevölkerung Anerkennung fand. Dass der Verein in dieser Zeit seine Integrität wahren konnte, zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass die britische Besatzungsmacht nach dem Krieg mit Vertretern des Vereins wegen der Übernahme der Gefängnisfürsorge verhandelte.

Agnes Neuhaus erlebte das Ende des Krieges nicht mehr mit. Sie verstarb am 20. November 1944 in Soest an einer Lungenentzündung. Ihre Nachfolgerin als Vorsitzende des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder wurde Frau Dr. Anna Zillken, eine ihrer langjährigen Mitarbeiterinnen.

Birgit Küstner

Quellen: